Landwirtschaft in Zeiten des Klimawandels

In der Ausgabe der Umweltzeitung November/Dezember 2018 ist der folgende Bericht von Markus Euskirchen, einem der beiden Landwirte auf unserem Hof erschienen:

Landwirtschaft in Zeiten des Klimawandels

Heute habe ich die Bullen umgeweidet, das hat Spaß gemacht. Jedes Jahr nehmen wir 15 bis 20 Bullen eines befreundeten Betriebes auf unserer Weide in der Dettumer Feldmark den Sommer über in Pension. Wir haben die Weide in vier Stücke aufgeteilt und etwa alle zwei Wochen wird umgeweidet. Viel Gras gibt es auf dem neuen Stück zwar auch nicht, aber zumindest einen Tag genießen die Bullen den Geschmack von frischem Weidegras, bevor sie sich wieder den bereitgestellten Heuballen zuwenden. Das fördert die gute Laune der Tiere ungemein, und außerdem schont das Umweiden die gestresste Grasnarbe. Während den Bullen im letzten Jahr das Gras förmlich ins Maul gewachsen ist und wir überhaupt nicht zufüttern mussten, legen wir heuer seit Mitte Juni jeden Tag einen Rundballen Heu vor, kostbares Futter in diesem trockenen Sommer, in dem selbst unsere tiefwurzelnden Kleegrasbestände nur die Hälfte des üblichen Heuertrages lieferten. Die Wiesen haben wir nur einmal Mitte Juni gemäht, seitdem ist nichts mehr nachgewachsen.

Seit Mitte April hat es bei uns so gut wie keinen Regen gegeben. Das habe ich in den 27 Jahren, in denen ich jetzt Landwirt auf dem Lindenhof in Eilum bin, noch nicht erlebt. Haben wir noch Ende März ein Ende der seit Juli 2017 fast ununterbrochenen fallenden Niederschläge herbeigesehnt, um endlich mit der Frühjahrsbestellung beginnen zu können, so wurde uns im Laufe dieses Sommers klar, wie lebenswichtig Wasser ist. Die schweren Böden, die wir in Apelnstedt bewirtschaften, waren zunehmend von tiefen Trockenrissen geradezu zerfurcht, die sandigen Flächen im Riddagshäuser Naturschutzgebiet antworteten auf jeden Schritt mit einer kleinen Staubwolke. Entsprechend ging es den Pflanzen auf den Flächen. Nachdem die zum Glück üppig gefüllten Wasserreserven der Böden aufgebraucht waren, gingen die Bestände früh in die Reife über, was uns eine rekordverdächtig frühe Ernte bescherte. Ende Juli war alles Getreide gedroschen, da fangen wir in anderen Jahren erst mit der Ernte an.

Auf dem Acker sah es ertraglich nicht ganz so trübe aus wie auf dem Grünland. Die Getreideerträge lagen zwar alle unter dem Durchschnitt der letzten Jahre, Dinkel, Weizen und Einkorn aber nicht weit. Der Roggen hat unter den Wintergetreidearten am schlechtesten abgeschnitten, was aber gar nicht an der Trockenheit sondern an den für Roggen viel zu feuchten Aussaatbedingungen des Vorjahres und dem nassen Winter lag. Die Erträge der Sommerkulturen, bei uns sind das Sommerweizen und -roggen, Ackerbohnen, Öllein und Nackthafer, lagen ertraglich weit unter dem Durchschnitt. Die Qualitäten sind aber alle gut. Das liegt daran, daß den Getreidepflanzen offenbar schon frühzeitig schwante, was da auf sie zukommt, und sie ihren Bestockungstrieben rechtzeitig das Wasser abgedreht haben. Das hatte eine geringere Zahl an Körnern zur Folge, die die Pflanzen dann aber ausreichend versorgen konnten.

Die Kartoffeln, neben dem Getreide unser zweites ackerbauliches Standbein, haben ebenfalls erstaunlich gut durchgehalten. Wir konnten wegen der Nässe im Frühjahr erst am 10. April mit der Pflanzung beginnen, worauf die Pflanzen aber rasant gestartet sind. Der noch feuchte Boden und die hohen Temperaturen im Frühjahr bewirkten eine schnelle Entwicklung der Bestände. Die Kartoffeln haben mitgedacht und unter den dann zunehmend trockenen Bedingungen gleich gar nicht so viele Knollen angesetzt. Ich hätte nie gedacht, daß Kartoffeln praktisch ohne Wasser während der Vegetation doch noch eine halbwegs ordentliche Menge an Knollen produzieren können. Momentan stehen wir vor dem Problem, die Kartoffeln aus dem Boden holen zu müssen. Die Niederschläge der letzten Wochen waren nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Neulich haben wir einen Rodeversuch gewagt, den wir dann aber abgebrochen haben, nachdem wir zumindest für die nächsten Wochen genügend Kartoffeln gerodet hatten. Die Kartoffeldämme zerbrechen in faustgroße Kluten, das bißchen vorhandene Feinerde bröselt auf dem ersten halben Meter von der Siebkette, und die Kartoffeln rumpeln dann mitsamt den Erdklumpen durch den Roder, wobei sie derart viele Stöße und Verletzungen erleiden, daß wir anschließend die Hälfte als unverkäuflich aussortieren müssen. Unter den Kartoffeln haben wir derzeit ein Wasserdefizit (Niederschlag minus Verdunstung) von ca 500 mm. Wieviel es regnen muß, damit die Dämme wieder feucht und damit rodbar werden, ist schwer zu sagen, aber auf jeden Fall mehr als die letzten 5 mm, von denen man schon am Folgetag nichts mehr merkt.

Für die Gärtnerinnen und Gärtner auf dem Lindenhof war es ein guter Sommer. Die Flächen unserer Gärtnerei in Apelnstedt lassen sich mit Tröpfchenschläuchen komplett bewässern, was zwar ein ziemlicher Aufwand ist, sich unter den diesjährigen Bedingungen aber fraglos gelohnt hat. Viel Sonne und Wärme sowie ausreichend Wasser haben bei vielen Gemüsekulturen zu einer sehr guten Ernte geführt. Sogar Exoten wie Wasser- und Honigmelonen sind prächtig gediehen.

Foto: ©Pluto

Ist das jetzt der Klimawandel? Klima ist bekanntlich ein statistisches Mittel aus dem Wetter, und wenn man die vergangenen beiden Jahre miteinander verrechnet, so ergibt sich ein zwar zu warmes, aber ziemlich normal feuchtes Durchschnittsjahr. Das deckt sich auch mit den Voraussagen der aktuellen regionalen Klimamodelle: wärmer, etwa die gleiche Menge an Niederschlägen, diese aber ungleichmäßiger verteilt.

Als Landwirt ist mir das Wetter erst mal näher als das Klima und ich frage mich, wie es möglich ist, sich an die zu erwartenden Veränderungen anzupassen. Die beiden vergangenen Jahre waren derart unterschiedlich, daß eigentlich nur eine Verbesserung der Resilienz, der Anpassungsfähigkeit unserer Ökosysteme sinnvoll erscheint.

Als erstes fällt einem hierbei eine möglichst große Kulturartenvielfalt ein, die das Anbaurisiko besser verteilt. Unter den diesjährigen Dürrebedingungen haben uns aber die relativ große Vielfalt der Kulturen und unsere weite Fruchtfolge keinen Vorteil gebracht, es haben alle Kulturen schlecht abgeschnitten, es war einfach zu trocken.

Eine zweite oft vorgeschlagene Möglichkeit ist die Erhöhung des Humusgehaltes der Böden. Ein hoher Humusgehalt verbessert unter anderem die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens. Dazu ist eine hohe Zufuhr an organischer Substanz wie z.B. Kompost, Mist oder der Pflanzenmasse von Zwischenfrüchten und Untersaaten nötig, die wir Biobauern aber auch zur Ernährung unserer Kulturpflanzen brauchen, da wir keinen Mineraldünger verwenden. Außerdem müssen die Bodenorganismen, die die organische Substanz verdauen und sie für die Pflanzen verfügbar machen oder sie zu Dauerhumus umbauen, zumindest halbwegs ordentliche Arbeitsbedingungen haben. Letztes Jahr hat ihnen in den wassergesättigten Böden oft der Sauerstoff gefehlt, in diesem Jahr hat der Wassermangel das Bodenleben zum Stillstand gebracht.

Die Aussaat von Zwischenfrüchten hat die letzten beiden Jahre auch nicht so gut geklappt. Letzten Herbst waren viele Flächen durch die Nässe nicht befahrbar, in diesem Jahr hat es bisher keinen Sinn gemacht, Saatgut auf den staubtrockenen Flächen auszubringen, so daß wir wieder bei weitem nicht alle Flächen einsäen werden, die wir geplant hatten. Es gibt noch eine ganze Reihe sinnvoller Maßnahmen (z.B. Schaffung von Beregnungsmöglichkeiten), die aber leider alle nicht einfach umzusetzen sind.

Das wichtigste ist auf jeden Fall, den Klimawandel so schnell wie möglich zu verlangsamen, damit das alles nicht noch verrückter wird. Daß hierbei der Landwirtschaft eine wichtige Rolle zukommt ist unstrittig. Den meisten Landwirtinnen und Landwirten stößt es allerdings sauer auf, sich ertrags- und damit einkommensmindernde Nachhaltigkeitskriterien vorschreiben zu lassen, wenn es gleichzeitig völlig in Ordnung zu sein scheint, seine Wege in riesigen Autos und Flugzeugen zurückzulegen, Wälder zu roden um darunter Braunkohle zur Verstromung zu fördern, jeden Tag hektarweise fruchtbares Land zu überbauen und kurz vor Erreichen des Zielzeitpunktes der selbstgesteckten Nachhaltigkeitsziele diesen regelmäßig um weitere zehn oder zwanzig Jahre nach hinten zu verschieben. Wir müssen uns schon alle ein bißchen mehr anstrengen, um diesen Klimawahnsinn, den wir da zusammen angerichtet haben vielleicht doch noch auf ein erträgliches Maß einzudämmen.

Markus Euskichen, Hofgemeinschaft Lindenhof, Eilum